Erinnerung in Zukunft

Sebastian Striegel MdL spricht auf der Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938

Foto: Geschichtswerkstatt Merseburg

Rede des Landtagsabgeordneten Sebastian Striegel im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 (Reichspogromnacht) in Merseburg an der Stele für die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Sehr geehrte Damen und Herren Stadträtinnen und Stadträte,
Liebe Schülerinnen und Schüler,
Sehr geehrte Damen und Herren,

„Zukunft braucht Erinnerung“ und deshalb ist es wichtig, dass wir heute – am 9. November – zum Gedenken an die Reichspogromnacht in Merseburg an der Stele für die ermordeten Sinti und Roma zusammengekommen sind.

Wir sind zusammengekommen, um derjenigen zu gedenken, die am 9. November 1938, davor und danach, als Jüdinnen und Juden in einem Akt beispielloser Barbarei von Deutschen zunächst entrechtet, später zusammengetrieben und letztlich planvoll ermordet wurden.

Wir sind zusammengekommen, um der von ihren Mitbürgern verfolgten, vertriebenen, ausgelieferten und ermordeten Sinti und Roma zu gedenken.

Wir sind zusammengekommen, um aller zu gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Merseburg und in der Region durch Merseburger und Merseburgerinnen verfolgt, ihrer Rechte beraubt und ermordet wurden. Ermordet, weil im tödlichen Rassenwahn des Nationalsozialismus für sie kein Platz sein sollte.

Wir sind zusammengekommen an einem 9. November. Dem Tag, der in seiner Erinnerung in Deutschland ambivalenter nicht sein könnte: Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus. Es begann die Zeit der früh gescheiterten Weimarer Demokratie. Am 9. November 1923 putschten Hitler, Ludendorff und andere in München gegen eben diese Republik. Sie scheiterten zunächst, doch nur für wenige Jahre. Am 9. November 1938 begannen die Novemberpogrome. Nicht als spontane Reaktion, sondern als lang geplante Maßnahme, die die systematische Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden einleitete. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer und damit das sichtbarste Zeichens der deutschen und europäischen Teilung.

Der 9. November 1938 markiert den Mittelpunkt einer planvollen Gewaltwelle, von den Nationalsozialisten lange vorgedacht. Im Zeitraum vom 7. bis 10. November 1938 wurden in Deutschland und Österreich mehr als 1.500 Synagogen und Betstuben zerstört. Hinzu kamen Gemeindehäuser und Friedhöfe, die geschändet wurden. Auch 7.500 Geschäfte jüdischer Inhaber und tausende Wohnungen jüdischer Mieter wurden geplündert und angesteckt. Etwa 400 Menschen wurden direkt ermordet, etwa 1.000 weitere in den folgenden Tagen. Über die in der Zeit des Nationalsozialismus durch ihre Mitmenschen zum Opfer gemachten Bürgerinnen und Bürger von Merseburg und über Tatorte in der Stadt ist noch zu wenig bekannt.

Dank der Arbeit engagierter Merseburgerinnen und Merseburger, der Geschichtswerkstatt oder von Projekten der Hochschule wissen wir jedoch inzwischen einiges:

Wir kennen den Tatort Ständehaus. Sitz des letzten demokratisch gewählten Parlaments der Provinz Sachsen, aber auch Ort der ersten Prügelorgien gegen demokratisch gewählte Politiker und Ausgangspunkt ihrer Verfolgung und schließlich der Verbringung in erste errichtete Konzentrationslager.

Sieben Stolpersteine erinnern seit einigen Jahren an vier jüdische sowie drei aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten Verfolgte. Die Stele für die ermordeten Sinti und Roma, hier auf dem Neumarkt, erinnert an Menschen, die als „Zigeuner“ von den Nazis verfolgt wurden. In Merseburg lassen sich bis jetzt insgesamt 12 Opfer nachweisen, zu denen uns die Geburts-, Wohn- und Sterbedaten vorliegen.

Dieser Merseburger Erinnerungsort entstand im Jahr 2010. Dass er bereits viele Male geschändet wurde und sichtbare Narben trägt, macht uns gewahr, dass Erinnerung nicht in ferner Vergangenheit feststecken darf. Neue Nazis, Antisemiten und Rassisten bedrohen auch in unserer Zeit Menschenrechte und Demokratie.

Wir haben erst vor wenigen Wochen des 20. Jahrestags der rassistischen Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und Quedlinburg gedacht. Dort standen neben organisierten Neonazis, hunderte Frauen und Männer, die als johlende und Applaus klatschende Masse, als Steine- und Brandsatzwerfer auftraten. Die Neonazis und Steinewerfer kamen nach Mauerfall nicht aus dem gesellschaftlichen Nichts. Auch auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt gab es – schon vor 1989 und zunehmend nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland – eine Vielzahl von Angriffen auf sog. „Vertragsarbeiter“, Flüchtlinge und ihre Unterkünfte. Im September 1989 attackierten Neonazis und Fußballfans angolanische Bürgerinnen und Bürger in ihrem Dessauer Quartier. Von Aschersleben bis Zielitz und in allen Regionen des Landes, auch hier im Saalekreis, wurden Migrantinnen und Migranten zu Beginn der 1990er Jahre Opfer rassischer Beleidigungen, Bedrohungen und Körperverletzungen. Die rassistischen Angriffe dieser Jahre geschahen in einem gesellschaftlichen Klima, das die Angst vor Flüchtlingen schürte und sie zum Objekt des Hasses machte.

Bereits seit Mitte der 1980er Jahre schallte durch die alte Bundesrepublik das Unwort der „Asylantenschwemme“, Migrantinnen und Migranten wurden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ stigmatisiert und in einer unsäglichen „Das-Boot-ist-voll“-Rhetorik wurden Ressentiments gegen Zuwanderer gesät und verstärkt. Wenn Sinti und Roma in Reden von Bundespolitikern heute erneut diffamiert werden, wenn an ihrem Beispiel Stimmungsmache gegen Asylbewerber gemacht wird, dann birgt das große Gefahr. Und es konterkariert den wichtigen Akt des Gedenkens, der seinen Ausdruck in der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas vor wenigen Tagen in Berlin fand.

Die Erinnerung an die Reichspogromnacht von 1938 und an die rassistischen Ausschreitungen vor 20 Jahren lehrt: Die Vertreibung von Schwächeren, von Menschen, die mit Gewalt bedroht werden, darf es in diesem Land nie wieder geben. Und genau deshalb muss der Rechtsstaat auch heute, überall – auch im sachsen-anhaltischen Insel – den Anfängen solcher Vertreibungen wehren. Auch, wenn es um Straftäter und ehemalige Sicherungsverwahrte geht!

Die Folgen einer fehlenden oder unzureichende staatlichen Sanktionierung von Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten, wie sie die wiedervereinigte Bundesrepublik zu Beginn der 1990er Jahre erlebt hat, verbunden mit einer politischen Debatte, die in der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993 ihren Höhepunkt fand, erkennen wir heute. Staat und Gesellschaft verweigerten die Auseinandersetzung mit Neonazis und Rassisten. Dies war ein zentrales Sozialisationsmoment für junge ostdeutsche Neonazis. Unter ihnen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Die Gewalttaten ihrer Generation gegen Migrantinnen und Migranten wurden nicht geächtet, sondern häufig beklatscht. Polizei und die Institutionen der Rechtspflege zeigten sich oft ahnungslos und grundsätzlich milde. Die organisierten Neonazis und unorganisierten Rassisten durften annehmen, dass sie mit ihren Taten umsetzten, was sich andere nur zu sagen trauten: Dass in diesem Land zu viele Ausländer wohnen würden, dass Überfremdung drohe, das Boot schon lange voll sei und nun endlich etwas getan werden müsse.

Der Gesellschaft der beginnenden 1990er Jahre gelang es nicht, eine überzeugende Antwort auf den sich flächendeckend zeigenden Rassismus zu formulieren. Mit der Folgen dieser gesellschaftlichen und staatlichen Unterlassung haben wir noch heute zu kämpfen. Sie in aller Konsequenz aufzuarbeiten, bleibt unser aller Aufgabe!

Nationalsozialisten mordeten in den Jahren 1933 bis 1945. Rechte Gewalt, die sich gegen Migrantinnen und Migranten, nicht rechte Jugendliche, Homosexuelle oder politische Gegner von Neonazis richtet, ist leider auch heute alltäglich. Mindestens 160 rechte Angriffe sind im Jahr zu verzeichnen. Seit 1990 starben bundesweit über 160 Menschen durch organisierte Neonazis oder wurden aufgrund rechter Motive umgebracht. Mindestens 13 davon in Sachsen-Anhalt. Drei davon im Saalekreis.

Erinnern für die Zukunft heißt, auch dieser Opfer zu gedenken!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir Erinnern und gedenken, weil wir ein Zeichen für Demokratie und Menschenrechte setzen wollen. Wir erinnern, weil der Tod Millionen unschuldiger Menschen, von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, als so genannte „Asoziale“ Verfolgten und allen anderen Opfern des Nationalsozialismus eine tiefe Lücke in unserem Land hinterlassen hat.

Wir wissen nicht, was aus denen geworden wäre, die ermordet worden sind. Wir wissen nur, ohne sie ist unsere Gesellschaft eine andere geworden. Lassen Sie uns erinnern, damit sich Ereignisse wie um den 9. November 1938 nicht wiederholen. Lassen Sie uns tätig erinnern, damit Rassismus, Antisemitismus, Anti-Ziganismus und alle anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein für alle Mal geächtet werden. Hier und anderswo.

 

Verwandte Artikel

1 Kommentar