„Ein Mangel an Zivilcourage“

Tröglitz, Teil der Gemeinde Elsteraue im Burgenlandkreis. Ein auf den ersten Blick prosperierender Ort. Knapp 3000 EinwohnerInnen, eine schmucke Dorfkirche, Gewerbe- und Industrie am Ortsrand, gleichzeitig idyllisches Dorfleben.

Doch mit der Idylle ist es vorerst vorbei. Und in Tröglitz lässt sich seitdem besichtigen, wie Menschlichkeit, Demokratie und Zivilcourage zu raren Gütern werden. Kaltland Sachsen-Anhalt. Wieder einmal.

Verantwortung dafür tragen jene, die die geplante Unterbringung von gerade einmal 44 dem Burgenlandkreis zugewiesenen AsylbewerberInnen in leer stehenden Wohnungen im Ort für eine Bedrohung des dörflichen Friedens halten.

Seit Wochen demonstrieren deshalb von einem NPD-Kreistagmitglied und einem örtlichen Rassisten angeführte „besorgte Bürger“ mit Laserpointern und Taschenlampen auf abendlichen Spaziergängen. Immer wieder sonntags. Gestern waren es wohl 50 bis 60 Nazis. Gleichzeitig versammeln sich EinwohnerInnen und Gemeindemitglieder in der evangelischen Kirche beim Friedensgebet.

In der vergangen Woche nun eskalierte die Situation. Ortsbürgermeister Markus Nierth schmiss hin. Weil er seine neunköpfige Familie davor schützen wollte, dass die NPD vor ihrem privaten Wohnhaus aufmarschiert.

Die Entscheidung löste aus, was zu erwarten war: Entsetzen vor Ort, Ratlosigkeit im Landkreis, hektische Betriebsamkeit auf Landesebene und ein bundesweites Medieninteresse.

Mir scheint, dass Problem in Tröglitz ist ein Doppeltes. Während der Landkreis unter Landrat Götz Ulrich versucht, die Unterbringung von Geflüchteten konsequent dezentral zu organisieren, duckt sich der Bürgermeister der Gemeinde Elsteraue, Manfred Meißner, konsequent weg. Ortsbürgermeister Markus Nierth trug irgendwann zu schwer an der Verantwortung und sah seine einzige Chance, sich der Stimmungsmache der NPD zu entziehen und seine Familie zu schützen, im Rücktritt. Hier kapituliert die lokale Demokratie. Gleichzeitig fehlt es bis heute in Tröglitz an Zivilcourage, die sich außerhalb des Schutzraumes Kirche zeigt. Es reicht eben nicht, auf die Verantwortlichen in Landkreis und Land zu setzen. Rechtsstaat und Demokratie müssen auch vor Ort verteidigt werden. Weshalb ich frage, warum nach Ankündigung der Demonstration vor das Haus von Ortsbürgermeister Nierth niemand auf die Idee kam, das Friedensgebet genau dorthin zu verlegen. Denn eines ist klar, wo gebetet und nachbarschaftliche Solidarität gezeigt wird, können Nazis nicht laufen. Diese Chance konkreter Solidarität mit Markus Nierth und seiner Familie wurde in Tröglitz verabsäumt.

Die nun entstandenen Verletzungen zu heilen und Geflüchtete vor Ort willkommen zu heißen, wird die Aufgabe der kommenden Wochen. Ich hoffe, dass der Kreistag heute eine Entscheidung zur Unterbringung der Geflüchteten in Tröglitz trifft. Und dass die Menschen vor Ort ihre neuen MitbürgerInnen willkommen heißen!

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