Zum 70. Jahrestag der Befreiung: Lack der Zivilisation ist dünn

„70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende der industriellen Tötung von Menschen in Vernichtungslagern verneigen wir uns vor denjenigen, die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden.“

„Wir danken zum 8. Mai 2015 denjenigen, die unter großen Opfern das nationalsozialistische Deutschland militärisch besiegt haben. Wir tun dies in Demut als Deutsche, deren Vorfahren zum weit überwiegenden Teil Täter, Mitläufer und Zuschauende waren. Wir sagen heute Спасибо!, Thank You und Merçi an Sowjets, Amerikaner, Briten und Franzosen. Wir sagen Danke an diejenigen jüdischen Soldaten, die aus Deutschland fliehen mussten und mit den Alliierten gegen Deutschland kämpften.
Wir sagen dziękuję allen, die als polnische Exilarmee ihren Beitrag zur Niederlage Deutschlands leisteten. Wir bedanken uns bei allen, die diese militärische Niederlage ermöglicht haben und die dafür vielfach mit dem Leben bezahlten: Bei Jugoslawen und Kanadiern, bei Soldaten und Partisanen.“

„Als Richard von Weizsäcker 1985 die Formulierung vom „Tag der Befreiung“ prägte, war dies eine merkbare und notwendige Zäsur in der Erinnerungskultur: Sie ermöglicht uns eine Sichtweise, die Versöhnung möglich macht, ohne deutsche Taten weiter zu bemänteln: Wir als Deutsche mussten vom Nationalsozialismus befreit werden. Aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb erfolgte dies nicht.“

„Bis heute sind Kontinuitäten der NS-Herrschaft nicht immer aufgearbeitet. Nicht überall ist aus Verdrängen und Verleugnen ein offener, selbstkritischer Umgang mit Geschichte und geschichtlicher Verantwortung geworden. Bis heute wirken NS-Verstrickungen nach.“

„Will Erinnerung nicht zur hohlen Floskel werden – und meine Generation kann sich an die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus nicht erinnern – heißt, um mit dem Historiker Norbert Frei zu sprechen, Erinnerung aus der bloßen Praktik zu einer Erinnerung als Bewusstseinsinhalt zu entwickeln.“

„Die Ereignisse von Insel, als Menschen von einem Mob vertrieben werden sollten, die rassistischen Demonstrationen der Pegida-Bewegung und ein gesellschaftliches Klima, in der Angriffe auf Flüchtlinge sowie Brandanschläge und andere Attacken auf entstehende und bereits vorhandene Unterkünfte für Asylbewerberinnen und Asylbewerber wieder möglich sind, lassen uns ahnen, dass der Lack der Zivilisation dünn geworden ist.“

„Wir sollten die unglaubliche friedensstiftende Kraft der europäischen Idee gerade in diesen Tagen nicht aus den Augen verlieren. Wir sind – auch und besonders als Deutsche – dabei, dieses große Projekt durch nationalstaatliche Arroganz und Egoismus zu beschädigen.“

„Gerade heute, in einer Welt, in der Kriege und internationale Konflikte wieder zunehmen, sind wir aufgerufen, an dem europäischen Projekt weiter zu bauen.“

„Der 8. Mai darf als Tag der Befreiung nie zur bloßen Gedenk-Routine werden. Seine Bedeutung wird erst spürbar, wenn aus der Erinnerung praktische Verpflichtung für das heutiges Handeln wird.“

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